Das 9. Haus beginnt dort, wo der Mensch den sicheren Boden seiner vertrauten Welt verlässt. Für manche bedeutet das, in ein Flugzeug zu steigen und fremde Länder zu bereisen. Für andere beginnt die Reise im Kopf – mit einem Buch, einer Idee oder einer spirituellen Suche.
In der Astrologie gehört diese Bewegung zur Symbolik des Schützen: der Wunsch, über den eigenen Horizont hinauszugehen und eine größere Wahrheit zu finden.
Vielleicht kennt ihr diese Vorschläge auch: „Du musst mehr reisen! Du hast ja keine Ahnung, was du sonst versäumst. Ich weiß, wovon ich rede.“ Oder: „Ihr habt ja jetzt beide Zeit und könnt endlich reisen. Macht es endlich – solange es noch geht.“ Abgesehen davon, dass ich von ungefragten Ratschlägen rein gar nichts halte, fällt mir auf, dass diese Vorschläge fast immer von erklärten Globetrottern kommen – oder zumindest von Menschen, die das Reisen zu ihrem Hobby erklärt haben und mehrmals im Jahr wegfahren müssen, um angeblich zu sich selbst zu finden.
Inzwischen habe ich schlicht keine Lust mehr auf Langstreckenflüge. Ich liebe mein eigenes Bett, mein Bad, den eigenen Garten – und ich mag es nicht, vom Zimmerservice gestört zu werden. Das innere Erleben hängt bei mir nicht vom Außen ab, sondern vor allem von anderen Erfahrungen, die mich berühren. Das kann ein fesselndes Buch sein, schöne Musik, das Beobachten der Natur, eine ausgiebige Meditation oder der Austausch mit anderen Menschen.
Auch ich habe früher die USA, die karibischen Inseln, Asien und große Teile Europas bereist. Sicher war der eine oder andere Urlaub schön. Doch ich brauche diese Reisen nicht, um mich „weiterzuentwickeln“, wie mir schon mehrfach nahegelegt wurde. Wann verstehen das die selbst ernannten Globetrotter endlich?
Warum Globetrotter so gerne missionieren
Nun ist es in der Astrologie dem 9. Haus beziehungsweise dem Schütze-Prinzip geschuldet, dass wohl beides – die Lust auf Reisen und der missionarische Eifer – Hand in Hand gehen. Der Schütze strebt nach Erleuchtung und Horizonterweiterung. Deshalb findet man unter Schütze- oder 9.-Haus-Betonungen viele Reisefreaks oder Menschen, die zum Buddhismus konvertiert sind.
Während bei den Weltenbummlern die Horizonterweiterung im Außen gesucht wird, sucht sie der Buddhist im Inneren. Und noch etwas kommt hinzu: Während das gegenüberliegende Zeichen, der Zwilling, Informationen lieber sammelt und die Vielfalt auch nutzt, um sich nicht verbindlich festlegen zu müssen, steht der Schütze zu seinen Überzeugungen – und lässt sich davon nur ungern abbringen.
Die großen Entdecker waren keine Globetrotter
Neulich wurde ich gefragt, was ich denn von den „faszinierenden Globetrottern“ der Geschichte halte. Ob diese Reisenden nicht enorm viel erreicht hätten – und ob ich nicht zugeben müsse, dass Fernweh und Weltenbummlerei auch der Wissenschaft dienlich gewesen seien.
In diesem Zusammenhang scheue ich tatsächlich den Ausdruck „Globetrotter“. Mit einem „Globetrotter“ verbinde ich den modernen (Massen-)Tourismus, der mich offen gesagt anwidert.
Was der Fragesteller meinte, waren sicherlich die großen Entdecker wie Marco Polo, James Cook, Alexander von Humboldt oder Elly Beinhorn, die durch waghalsige Expeditionen und spannende Reiseberichte von sich reden machten. Doch ich sehe sie nicht primär als Globetrotter.
Diese Menschen waren Grenzgänger. Sie waren teilweise Jahre oder sogar Jahrzehnte unterwegs und erschlossen unbekannte Kulturen. Sie hatten kein Google Maps, oft nur unzuverlässige Landkarten, keine moderne medizinische Versorgung und keinen Blog, in den sie ihre Fotos hochladen konnten, um zu berichten, dass sie wohlauf sind. Sie setzten sich politischen Risiken, Räubern und Kriegen aus – ganz zu schweigen von den Krankheiten, gegen die niemand immun war.
Alexander von Humboldt – Wissenschaft statt Abenteuer
Reisen bedeutete damals Lebensgefahr, Ungewissheit, fehlende Kommunikation mit der Heimat – und völlig neue Weltbilder. Am meisten fasziniert mich Alexander von Humboldt. Auch er verstand sich primär nicht als Reisender, sondern in erster Linie als Naturforscher, Geograph, Ethnograf und Philosoph der Natur. Er schleppte Messinstrumente durch Urwälder, bestieg Vulkane und sammelte Daten über Klima, Pflanzen, Magnetismus und Höhenlagen. Seine Weltenbummlerei diente also ausschließlich wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Marco Polo und das europäische Bild von Asien
An zweiter Stelle kommt für mich Marco Polo, jener venezianische Kaufmann, der im 13. Jahrhundert zusammen mit seinem Vater und seinem Onkel über die Seidenstraße bis nach China reiste. Dort gelangte er an den Hof des Mongolenherrschers Kublai Khan und blieb viele Jahre in dessen Dienst.
Nach seiner Rückkehr nach Venedig erzählte er von seinen Reisen, und daraus entstand das berühmte Buch „Il Milione“ (auch bekannt als „Die Wunder der Welt“). Darin beschrieb er für Europäer völlig unbekannte Dinge: Papiergeld, riesige Städte in China, das Postsystem der Mongolen oder den Reichtum Asiens.
Im Gegensatz zu Humboldt war Polo kein Naturforscher, sondern in erster Linie Kaufmann. Am Hof von Kublai Khan lernte er über viele Jahre hinweg Verwaltung, Handel, Städte und Sitten des mongolischen Reiches kennen. Seine Beschreibungen betreffen häufig Infrastruktur, Handel und Wirtschaft, politische Organisationen sowie Bräuche und Religionen. Ob alle Details exakt stimmen, diskutieren Historiker bis heute – doch sein Bericht vermittelte Europa erstmals ein konkretes Bild von Asien.
Verkürzt könnte man sagen:
Humboldt wollte verstehen, wie die Natur als System funktioniert.
Marco Polo wollte wissen – und erzählen –, wie die Welt außerhalb Europas aussieht.
Auch ihre Themen – Wissenschaft, höhere Bildung und das Kennenlernen fremder Kulturen – gehören eindeutig zum Symbolkreis des Schützen und des 9. Hauses.
Die abgeflachte Version des 9. Hauses
Dennoch vermeide ich für sie den Ausdruck „Globetrotter“. Diese Menschen reisten, um zu lernen. Der Weg war das Ziel: das Unterwegssein selbst, nicht der Aufenthalt am Zielort. Das hat für mich nichts mit den heutigen „Globetrottern“ zu tun – auch wenn einige auf eigene Faust und fernab touristischer Infrastruktur unterwegs sind und sich deshalb für etwas Besonderes halten. Letztlich sind sie doch nur Touristen, die bequem per Flugzeug am Zielort landen und Aspirin, Kondome und Kohletabletten im Gepäck haben, um für den nötigen Komfort zu sorgen. Es ist gewissermaßen die abgeflachte Version des 9. Hauses.
Vielleicht ist das eigentliche Reisen gar kein Ortswechsel, sondern eine Bewegung des Bewusstseins.
Der größte Kontinent liegt nicht zwischen Ozeanen, sondern im Inneren des Menschen. Rumi formulierte es so:
„The world inside is larger than the world outside.“

