In diesem Artikel möchte ich über narzisstische Familiensysteme berichten. Meine Ausführungen basieren auf persönlichen Erfahrungen und werden durch fachliches Wissen über Narzissmus ergänzt. In diesem ersten Teil geht es primär um Narzissmus als solches, in Teil II um die Frage, wie man Narzissmus astrologisch nachvollziehen kann.
Man sieht es ihnen nicht unbedingt an. Nach außen erscheint alles perfekt und normal. Die Betroffenen sind nicht arm oder an den sozialen Rand gedrängt, ganz im Gegenteil.
Narzissmus und seine Formen
Beim Narzissmus handelt es sich um KEINE Krankheit, sondern um ein Persönlichkeitsmerkmal oder eine Persönlichkeitsstörung, gekennzeichnet durch ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Lob und Bewunderung, mangelnder Empathie und ein übersteigertes Selbstwertgefühl. Dabei unterscheidet man zwischen verschiedenen Arten des Narzissmus.
- Grandioser Narzissmus: Diese Persönlichkeit zeigt sich selbstbewusst und dominant. Sie braucht Bewunderung, ist oft überheblich und zeigt wenig Empathie – häufig der „klassische Narzissmus“ bzw. was man häufig unter Narzissmus versteht.
- Vulnerabler/verletzlicher Narzissmus: Diese Menschen sind unsicher und leicht gekränkt. Sie brauchen Bestätigung und ziehen sich bei Kritik sofort zurück. Man erkennt sie nicht immer sofort als narzisstische Menschen, denn sie wirken häufig introvertiert, freundlich und zurückhaltend, sind aber innerlich selbstbezogen.
- Maligner Narzissmus: Die heftigste Form des Narzissmus. Die Menschen können grandios, aber auch aggressiv sein. Sie sind manipulativ, manchmal sogar sadistisch (selbst den eigenen Kindern gegenüber). Macht und Kontrolle stehen im Mittelpunkt. Maligne Narzissten können auch kriminell werden – kein Muss, aber kommt vor, denn sie agieren rücksichtslos.
- Verdecker Narzissmus: Ähnlich wie der vulnerable Narzissmus, aber noch mehr versteckt. Sie sind ebenfalls freundlich und zurückhalten, aber auch manipulativ, heimlich neidisch und im Stillen wütend.
Natürlich gibt es nicht immer die „Reinform“ eines narzisstischen Typs; Mischformen kommen sehr häufig vor.
Narzissmus und die dysfunktionale Familie
Narzisstische Familien gehören zu den subtilsten Formen dysfunktionaler Systeme. Wie bereits erwähnt, erscheint nach außen hin alles tadellos. Selbst die betroffenen Kinder nehmen ihre Herkunftsfamilie lange als „normal“ oder sogar privilegiert wahr. Die inneren Verletzungen, unter denen Betroffene später noch leiden, werden selten mit dem Familiensystem in Verbindung gebracht. Die eigentliche Störung liegt nicht in fehlender Organisation oder sozialem Abstieg, sondern im krankhaften Narzissmus eines Elternteils (manchmal auch beider).
Das zentrale Prinzip lautet: Die Bedüfnisse des narzisstischen Elternteils stehen über allem!
Das bedeutet konkret:
- Nicht der narzisstische Elternteil ist für die Kinder da, sondern die Kinder haben für die Mutter bzw. den Vater da zu sein.
- Die Stimmung innerhalb der Familie steht und fällt mit dem narzisstischen Elternteil; er entscheidet, ob es lustig oder gereizt zugeht. Wenn sich er das schwarze Schaf herauspickt, auf dem herumgehackt wird, müssen alle anderen mitmachen.
- Kinder werden nicht als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen,
sondern als Erweiterungen („Goldenes Kind“ – verlängerter Arm des Narzisstin/der Narzisstin) oder Projektionsflächen oder gar Versorgungsquellen. - Zuwendung, Aufmerksamkeit und Anerkennung sind an eine Bedingung geknüpft: Anpassung.
- Grenzen gelten nur für den narzisstischen Elternteil, der uneingeschränkten Respekt fordert, jedoch die Privatsphäre der Kinder missachtet: Zimmer werden durchsucht, Briefe und Tagebücher gelesen… Kontrolle ersetzt das Vertrauen.
- Individuelle Entwicklung ist suspekt – denn ein Kind, das eigenständig ist, entzieht sich der Einflussnahme des narzisstischen Elternteils. Deshalb wird Autonomie unterdrückt, manchmal offen, häufig aber auch subtil.
- Kindern werden Rollen zugeschrieben: Es gibt die so genannten „Goldenen Kinder“, die als verlängerter Arm des narzisstischen Elternteils fungieren, aber auch die „Schwarzen Schafe“, die als Projektionsfläche dienen. Auf diese Rollen werde ich später noch näher eingehen.
Der narzisstische Elternteil kann – muss aber nicht – dennoch engagiert wirken. Sie fördern ihre Kinder, doch hinter dem Engagement steht meist auch nur ein Zweck: Die Aufrechterhaltung des Bildes von der makellosen Famiie.
Die Familien als System – sektenähnliche Dynamiken
Als ich das erste mal von narzisstischen Familiendynamiken hörte, wurde mir vieles klar und ich fand mich in so vielen Beschreibungen wieder. Von Fachleuten wird das narzisstische Familiensystem häufig mit einer sektenähnlichen Struktur verglichen. Ich selbst verglich es später, als ich älter wurde, immer mit einem totalitären Regime – ich lag also nicht so falsch. In narzisstische Systemen (die nicht nur in der Familie vorkommen) entstehen Strukturen, die an autoritäre Gruppen erinnern:
- Es gibt eine Führungsperson, die nicht kritisiert werden darf
- Es herrschen ungeschriebene Regeln, denen sich alle unterwerfen müssen
- Die Mitglieder werden kontrolliert und überwacht.
- Es gibt keine direkte Kommunikation. Stattdessen dominiert auch in der narzisstischen Familie die so genannte „Triangulation“: Man spricht nicht mit dem Betroffenen, sondern hinter seinem Rücken über ihn.
- Nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ wird verhindert, dass die Kinder sich untereinander verständigen oder zusammenhalten, andernfalls könnten sich die Kinder untereinander besprechen und der/die Narzisst/in könnte an Macht verlieren. Gegenseitige Unterstützung bleibt aus – genau wie der Zusammenhalt –, was dem narzisstischen Elternteil dient, um seine Kontrolle zu sichern.
- Wie in einem totalitären System, in dem sich die Menschen untereinander nicht vertrauen können, gibt es auch kein Vertrauen und keinen Zusammenhalt unter den Geschwistern nicht untereinander. Man muss Angst haben, jederzeit verpfiffen zu werden. Oder man sieht sich genötigt, unter Druck über ein Geschwisterteil auszusagen.
- Streit und Probleme unter Geschwistern werden nicht besprochen, sondern niedergebrüllt und bestraft. Oder es wird einfach zum Goldenen Kind gehalten.
- Damit der narzisstische Elternteil die Oberhand behält, werden typische Rollen vergeben: Das Goldene Kind, das Schwarze Schaf. Gibt es mehr als zwei Kinder, werden die Rollen ebenfalls aufgeteilt, so dass es mehrere Goldene Kinder und Schwarze Schafe geben kann. Darüber hinaus gibt es auch die Flying Monkeys, die dazu dienen, den narzisstischen Elternteil zu unterstützen und (meist unbewusst!) bei Kontrolle, Einschüchterung oder Angriffen auf andere (z. B. das Sündenbock-Kind) mitzuwirken. Diese sind meist außerhalb der Familie zu finden: Schwiegersöhne und -töchter, Freunde des Goldenen Kindes, Verwandte, Nachbarn… Ebenso eine Rolle spielt der so genannte „Enabler“, bei dem es sich sehr häufig um den/die Partner/in des narzisstischen Elternteils handelt; wie der Name bereits andeutet, ermöglicht er das narzisstische Verhalten, indem er es toleriert oder entschuldigt. Dazu muss man aber auch wissen, dass der Enabler den/die narzisstische/n Partner/in aus Angst oder Abhängigkeit schützt, beispielsweise weil er befürchtet, dass ihm Kinder oder Enkelkinder entzogen werden und es ihm so gehen könnte wie dem Schwarzen Schaf. Der Enabler trägt also indirekt zur Aufrechterhaltung des destruktiven Systems bei, was ihm meist auch nicht bewusst ist.
Das Schwarze Schaf – Projektionsfläche und Sündenbock

Bevor man das „Goldene Kind“, also das Lieblingskind versteht, muss man erst die Rolle des Schwarzen Schafes betrachten:
Das Denken der meisten Narzissten oder Narzisstinnen funktioniert nach einer nach Schwarz-Weiß-Logik: Manche Menschen werden idealisiert, andere abgewertet. Da gibt es beispielsweise den schrecklichen Nachbarn, der nur stört und über den sich der Narzisst oder die Narzisstin ständig beim Vermieter beschwert. Oder der andere, der einfach wunderbar und offensichtlich unfehlbar ist. Warum das so ist? Das dient dem Schutz des Narzissten oder der Narzisstin. Sie haben Schwierigkeiten, eigene Gefühle und Motivationen objektiv zu sehen und ihr eigenes Denken und Verhalten zu reflektieren. Kritik oder eigene Unzulänglichkeiten werden so schwer ertragen, dass die Verantwortung nach außen projiziert wird.
Deshalb ist die einfachste Lösung die naheliegendste: Die Welt wird in einfache Kategorien aufgeteilt. So auch bei den eigenen Kindern oder Enkelkindern: Ein Kind ist „gut“, das andere „schlecht“, basta. Grautöne existieren nicht.
Um sich nicht mit dem eigenen Verhalten und Problemen auseinanderzusetzen, trägt das „Schwarze Schaf“ die negativen Projektionen des Systems. Es wird verantwortlich gemacht für Spannungen, Konflikte und Fehler – selbst für jene, die es nicht begangen hat. Der narzisstische Elternteil entlastet sich, indem er unerträgliche Gefühle wie Scham, Wut oder Minderwertigkeit auf dieses Kind überträgt – und die anderen müssen mitmachen. Die Rolle des „Schwarzen Schafes“ kann man vergleichen mit einem Müllschlucker: Alles, was die anderen nicht ertragen oder reflektieren können, wird hineingeworfen, denn das ist das Einfachste.
Eine meiner Schwestern erzählte mir, dass sie sich öfter über eine andere Schwester beschwerte, weil sie ungerecht behandelt wurde. Ihr wurde jedes Mal versucht einzureden, dass ich die Schuldige sei und den ganzen Familienfrieden störte – obwohl ich mit der Streitsache nichts zu tun hatte. Ein anderes Beispiel, das mir diese Schwester schilderte: Sie empfand es sehr häufig als ungerecht, wenn der narzisstische Elternteil mich für alles verantwortlich machte. Doch sie traute sich nicht, etwas dagegen zu sagen, weil sie Angst hatte, sonst selbst zur Schuldigen zu werden. Diese Beispiele veranschaulichen die Macht des narzisstischen Elternteils: Er kann ein Kind willkürlich zum Schwarzen Schaf erklären. Gleichzeitig werden die anderen unter Druck gesetzt, mitzuspielen – andernfalls geraten sie selbst ins Visier.
So hat das ‚Schwarze Schaf‘ zumindest anfänglich den schwersten Stand, und nicht alle schaffen es, dieses toxische System unbeschadet zu verlassen.
Typisch sind für die Rolle des Schwarzen Schafes sind:
- Dauerhafte Abwertung: Dies erfolgt durch wiederholte Zuschreibungen wie Unfähigkeit, Chaos, Überempfindlichkeit, Undankbarkeit, Jähzorn u.v.m., bis sich dieses verzerrte Bild im Familiennarrativ als „Wahrheit“ verfestigt. Die Goldenen Kinder fühlen sich überlegen, stehen aber unter dem Druck, „besser“ als das Schwarze Schaf zu sein, während dieses zunehmend selbst glaubt, dass mit ihm etwas „nicht stimmt“ . In der Psychologie spricht man dabei vom „Andorra Effekt“ (benannt nach Max Frischs Theaterstück „Andorra“ (1961), bei dem die ständigen negativen Zuschreibungen das Verhalten des Betroffenen nachhaltig ändern können.
- Beleidigungen: Selbst bei Geschenken erfährt der Sündenbock subtile Entwertung, etwa wenn ihm altmodische Kleidung in übergroßer Größe überreicht wird – mit abfälligen Bemerkungen wie „Du hast ja zugenommen, das passt schon“. Oder wenn Geschenke gewählt werden, die keine Freude bereiten, sondern allein den Vorstellungen des narzisstischen Elternteils darüber entsprechen, was das Sündenbockkind angeblich „dringend braucht“.
- Provokationen, um Reaktionen zu erzeugen: Der narzisstische Elternteil provoziert das Schwarze Schaf systematisch und setzt es dauerhaft unter Druck. Wehrt sich das Kind schließlich, wird genau diese Reaktion als vermeintlicher Beweis für dessen „Schwierigkeit“ präsentiert – nach dem Motto: „Seht her, wie problematisch sie ist.“
- Pathologisierung des Schwarzen Schafes: Besonders maligne Narzissten/Narzisstinnen neigen dazu, dem eigenen Kind eine krankhafte oder „böse“ Natur zuzuschreiben. Dadurch wird das Kind grundsätzlich als „anders“, „nicht normal“ oder „gestört“ stigmatisiert. Mir wurde als Vierjährige eingeredet, vom Teufel besessen zu sein, und der narzisstische Elternteil erwog sogar, mit mir zu einem Exorzisten zu gehen, was dank einer Tante verhindert wurde – so wurde es mir später berichtet. Ich selbst bin jedoch überzeugt, dass mein narzisstischer Elternteil nicht wirklich an diese erfundene und abstruse Geschichte glaubte; vielmehr ging es nur darum, „Beweise“ für das angeblich „schwierige“ Kind zu konstruieren.
- Emotionaler und körperlicher Missbrauch: Fragwürdige „Erziehungs“-Methoden, bei denen das Schwarze Schaf die ungezügelte Wut abbekommt, können ebenfalls vorkommen. Das Einsperren in einen dunklen Keller nach dem Kindergarten war mir bereits als Dreijähriger vertraut. Ebenso wurde mir ein Teller mit heißem Essen ins Gesicht geworfen – kurioserweise störten weder das verstreute Essen noch der zerbrochene Teller oder das Blut, das durch den Schnitt einer Scherbe in meinen Oberschenkel floss, während sonst ein versehentlich verschüttetes Glas Milch eine Katastrophe war.
- Gaslighting: Vorkommnisse oder Aussagen, die noch kurz zuvor getroffen wurden, werden später einfach geleugnet, während zugleich die Wahrnehmung des Betroffenen infrage gestellt wird – etwa mit Sätzen wie: „Das bildest du dir ein“, „Du übertreibst“ oder „Du bist nicht mehr ganz richtig im Kopf.“
- Spott und Verhöhnung: Im günstigsten Fall werden dem „Schwarzen Schaf“ keine Vorwürfe gemacht, doch seine Aussagen werden verspottet oder ins Lächerliche gezogen.
- Instrumentalisierung: Das Sündenbockkind wird ausgenutzt, wenn es dem narzisstischen Elternteil nützt – etwa für Ferienarbeit, praktische Hilfe oder zur emotionalen Parteinahme gegen andere Familienmitglieder (häufig den Ehepartner). Es ist also gut genug und wird augenscheinlich gemocht, solange es funktional einsetzbar ist, wird jedoch anschließend wieder entwertet oder fallengelassen.
- Koalitionen der anderen Familienmitglieder gegen den Sündenbock: Es entsteht regelrechtes Familienmobbing. Das Schwarze Schaf wird gnadenlos isoliert und als Problemfall dargestellt. Selbst Außenstehende können durch gezielte Manipulation gegen das Kind aufgehetzt werden. Mit Menschen, mit denen das Schwarze Schaf sich nicht (mehr) versteht, versuchen sie ebenfalls, Allianzen zu schmieden. Selbst auf den Partner oder die Partnerin des Schwarzen Schafes wird Einfluss genommen – diese müssen „gut“ und „vernünftig“ sein und mitwirken, das Schwarze Schaf kleinzuhalten. Funktioniert das nicht, gerät auch der Partner oder die Partnerin in Ungnade und wird ebenfalls gemobbt.
- Systematische Ausgrenzung und Isolation: Die Sündenböcke werden konsequent von wichtigen Entscheidungen oder familiären Anlässen wie z.B. Hochzeiten ausgeschlossen. Sie werden einfach übergangen, als wäre das die normalste Sache der Welt. Selbst über den Todesfall des anderen Elternteils werden sie nicht informiert und die Teilnahme an der Beerdigung des anderen Elternteils kann ihnen verwehrt werden (meine Erfahrung).
- Schuldumkehr: Sie markiert häufig den Höhepunkt der Manipulation, Bösartigkeit und Unverfrorenheit: Der narzisstische Elternteil inszeniert gezielt erneut eine Intrige – etwa durch den Ausschluss von der Beerdigung – und versteht es zugleich, nach außen den Eindruck zu erwecken, das Schwarze Schaf sei der eigentliche Verursacher, indem etwa behauptet wird, man sei davon ausgegangen, es habe ohnehin kein Interesse gezeigt.
Kinder wollen Teil der Gemeinschaft sein. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist ein elementares menschliches Grundbedürfnis – und genau deshalb ist die Rolle des Schwarzen Schafes und des Sündenbocks so schwer und unerträglich. Man fühlt sich allein auf dieser Welt. Nicht zu vergessen ist dabei die Gesundheit, die lange unterschätzt wurde: Das ständige Anpassen, Reagieren auf Manipulationen und Aushalten von Abwertung überlastet das Nervensystem des „Schwarzen Schafes“ langfristig und führt häufig zum Burnout – meist im Alter von Mitte/Ende Dreißig.
Wird ein Mensch selbst im Erwachsenenalter weiterhin strukturell isoliert, gemobbt, entmenschlicht und dauerhaft als „nicht zugehörig“ gebrandmarkt, bleibt oft nur der vollständige Ausstieg aus diesem destruktiven System. Das Schwarze Schaf hat rein gar nichts zu verlieren – sondern gewinnt zurück, was ihm einst genommen wurde: die Rückkehr zu seinem Selbst und zu seiner Persönlichkeit, die jahrelang unter den auferlegten Rollen begraben lag. Die Wiedererlangung seiner Würde, seiner inneren Heilung und schließlich sein Recht auf ein eigenes, unversehrtes Wohlbefinden.
Schwarze Schafe dürfen sich aber keine Illusionen machen: Solange sie immer noch glauben, alles könne sich irgendwann mal noch zum Guten wenden und man werde irgendwann ein „normales Familienmitglied“, ändert sich tatsächlich nichts. Und solange die übrigen Familienmitglieder ihre auferlegten Rollen weiter ausfüllen und sich dem narzisstischen Elternteil unterordnen, bleibt die Dynamik bestehen.
Das Goldene Kind – eine Mogelpackung

Das Goldene Kind wird vom narzisstischen Elternteil idealisiert. Es ist jenes Kind, das jeder auf den ersten Blick bewundert, denn es scheint alle positiven Eigenschaften zu vereinen, die der narzisstische Elternteil wünscht: attraktiv, sportlich, talentiert, begabt, gut gelaunt und selbstverständlich brav und folgsam. Doch hinter dieser Fassade steckt ein anderes Leben: Das Goldene Kind lebt unter dem ständigen Druck, perfekt zu sein – ein Grund, weshalb in den USA in der Psychiatrie mittlerweile vom „Goldenen Opfer“ die Rede ist, denn das Goldene Kind wird nur geliebt, solange es funktioniert. Während das Schwarze Schaf also als Sündenbock fungiert, ignoriert und eher vernachlässigt wird, mischt sich der narzisstische Elternteil beim Goldenen Kind überall mit ein. Die Individualität des Goldenen Kindes wird im Namen der Anpassung unterdrückt.
Das Lieblingskind des narzisstischen Elternteils darf keine Schwäche zeigen, keine eigenen Wünsche offen äußern und keine Entscheidungen treffen, die dem Willen des Elternteils widersprechen. Jede Abweichung kann Entwertung oder subtile Bestrafung nach sich ziehen. Einerseits erfährt es besondere Aufmerksamkeit, andererseits zahlt es dafür mit dem Preis der eigenen Identität. Tragischerweise leiden viele „Goldene Kinder“ später unter innerer Leere, weil ihre eigenen Interessen, Hobbys und Begabungen über Jahre hinweg unterdrückt wurden – sie mussten nach den Vorstellungen des narzisstischen Elternteils funktionieren.
Auch wenn ich jahrelang etwas anderes glaubte: Die Goldenen Kinder werden nicht wirklich in den Arm genommen, gehalten oder gesehen – ebenso wenig wie die Schwarze Schafe. Und selbst wenn der narzisstische Elternteil stets beteuert, alle Kinder gleichermaßen geliebt zu haben, bleibt eine nüchterne Feststellung: Er hat keines wirklich geliebt – denn im Zentrum der Zuwendung steht der narzisstische Elternteil selbst, der die Aufmerksamkeit aller beansprucht.
Das unsichtbare Kind

Es kann auch vorkommen, dass sich Kinder in narzisstischen Familien zurückziehen, um nicht aufzufallen und keinen zusätzlichen Konflikt auszulösen. Es lernt früh: Aufmerksamkeit ist gefährlich. Also wird es still, angepasst, selbstgenügsam – oft hochsensibel und sehr wach für Stimmungen im Raum.
Dies kann auch mit der Rolle des Sündenbockkindes einhergehen – allerdings nicht als Mischform, sondern situativ oder zeitversetzt. Das heißt: Manche Kinder wechseln zwischen Unsichtbarkeit und Sündenbockrolle. Solange sie still sind, werden sie ignoriert. Sobald sie jedoch Bedürfnisse äußern, widersprechen oder Grenzen setzen, werden sie zur Projektionsfläche – also zum Sündenbock. Die Unsichtbarkeit ist eine Schutzstrategie – das Kind wird einfach übersehen. Die Sündenbockrolle hingegen ist eine Zuschreibung – das Kind wir aktiv angegriffen.. Und manchmal kippt das eine ins andere. Typische Merkmale sind:
- Vermeidung von Konflikten
- keine Ansprüche zu stellen
- wenig zu brauchen
- ein starkes Innenleben (Fantasie, Bücher, Kreativität) zu entwickeln
- emotional nicht gesehen zu werden.
Im Erwachsenenalter zeigen sich häufig in Schwierigkeiten, Bedürfnisse zu äußern. Die Betroffenen haben Probleme mit Nähe oder den Selbstwert un die Tendenz, sich „unsichtbar“ zu machen.
Das parentifiziertes Kind
Dieses Kind sei noch zu erwähnen, weil es sich hier häufig um das älteste Kind handelt, dass gleichzeitig auch eine Rolle eines Schwarzen Schafes einnimmt. Parentifizierung bezeichnet eine Rollenumkehr, bei der Kinder mit Verantworung und Aufgaben belastet werden, die eigentlich im Aufgabenbereich des Elternteils liegen. Das Kind übernimmt sehr früh Verantwortung, kümmert sich beispielsweise um die Pflege der jüngeren Geschwister im Krankheitsfall, muss ihnen bei den Hausaufgaben helfen, Erziehungsaufgaben übernehmen, Hausarbeit erledigen etc. Es kann aber auch vorkommen, dass der narzisstische Elternteil das Kind mit seinen Eheproblemem belastet und es damit überfordert. Kurzum: Das Kind wird seiner Kindheit und Jugend beraubt und lernt, die eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. Ihm wird vermittelt, dass es nur geliebt wird, wenn es einen „Nutzen“ hat und Aufgaben übernimmt. Langfristig führt dies zu Überverantwortung, Schwierigkeiten mit Grenzen und starkem Pflichtbewusstsein im Erwachsenenalter.
Warum die Schwarzen Schafe oft stärker werden
Wer im System von Anfang an an den Rand gedrängt wird, lernt früh, Grenzen zu erkennen, Manipulation zu durchschauen und sich innerlich zu schützen.
Weil das Schwarze Schaf von Anfang an im Familiensystem nicht vollständig akzeptiert wird und auf sich allein gestellt ist, entwickelt schon früh eine eigene Identität. Es hat Gelegenheit, eigene Überzeugungen und Werte zu formen, unabhängig vom narzisstischen System. Das Goldene Kind hingegen bleibt lange verschmolzen mit den Erwartungen des Elternteils und identifiziert sich auch nach lange Jahre danach damit. Erst wenn die elterliche Kontrolle wegfällt, kann es sich selbst entdecken – oft schmerzhaft und spät.
So paradox es auch klingen mag: Die frühe Ablehnung, die Isolation, das unfaire Verhalten – all das kann die Schwarzen Schafe resilienter, selbstbewusster und realitätsnäher machen. Wer lange an der Außenseiterrolle gewachsen ist, kennt sich selbst, kennt die eigenen Grenzen und entwickelt oft eine tiefere Empathie – für sich selbst und für andere.
Für das Goldene Kind wird es besonders belastend, wenn es im Erwachsenenalter dem Druck des narzisstischen Elternteils nicht standhalten kann – etwa wenn Dinge im Beruf oder im Familienleben nicht wie geplant laufen. Oder weil es vom narzisstischen Elternteil nun „eingespannt“ und in die Zange genommen wird („Du bist die einzige, die sich um mich kümmert“). Das ist dramatisch, weil der ganze Selbstwert und Identitätsgefühl des Goldenen Kindes an die Erwartungen des narzisstischen Elternteils gekoppelt sind – als Folge jahrzehntelanger Anpassung, die der narzisstische Elterteil erzwungen hat. Doch für das Setzen von Grenzen ist es nie zu spät.
Warum dieser Beitrag? Die Antwort ist einfach: Wer schweigt, stimmt zu – dazu bin ich nicht mehr bereit. Schon Hermann Hesse wusste, dass alles wiederkehrt, was nicht zu Ende gelitten wird. Ich habe die Rolle des Sündenbocks durchlebt – und abgeschlossen. Hier gibt es nichts mehr zu fühlen. Gleichzeitig bin ich froh und dankbar, dass narzisstische und toxische Familiensysteme heute zunehmend erkannt und von Fachleuten offen thematisiert werden. Deshalb von ganzen Herzen: Danke!
Weiterführende Literatur:
„Narzissmus in der Familie – Untersuchung eines Verbrechens“ von Elena Digiovinazzo, Verlag West-Ost-Development, Publishing series „initiative“. Infos auf der Website des Verbandes freier Psychotheratpeuten.
„Das schwarze Schaf: Benachteiligung und Ausgrenzung in der Familie“ von Peter Teuschel auf Amazon.
