Der Mai gilt seit jeher als der „Wonnemonat“. Doch woher kommt dieser Name eigentlich?
Der Begriff „Mai“ geht auf die römische Göttin Maia zurück, eine Fruchtbarkeitsgöttin, die für Wachstum und Gedeihen stand. Bereits bei den Römern war dieser Monat dem Aufblühen der Natur gewidmet. Im Deutschen entwickelte sich daraus der „Wonnemonat“ – wobei „Wonne“ ursprünglich weniger mit romantischer Verzückung zu tun hatte als vielmehr mit Weide, also dem Austreiben des Viehs auf die frischen Frühlingswiesen. Erst später bekam der Begriff seine heutige, gefühlsbetonte Bedeutung. Und genau darum geht es auch in der Nacht.
Zwischen Feuer, Fruchtbarkeit und Volksglauben
Schon bei den alten Germanen hatte die Nacht vom 30. April zum 1. Mai eine besondere Qualität. Und noch heute glauben einige daran, dass in dieser Nacht unter anderem der Vorhang zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt besonders dünn ist, also der Kontakt zu unseren Verstorbenen enger. Fakt ist jedenfalls, dass dieses Datum in erster Linie den Übergang in die helle Jahreshälfte markiert. Im keltischen Jahrskreis heißt diese Zeit Beltane. Das Feuer spielt dabei eine zentrale Rolle, denn gemäß der Kelten sollte es reinigen, schützen und die Fruchtbarkeit fördern. Menschen tanzten um das Feuer und Felder wurden gesegnet. Dabei ging es um nichts Geringeres als um die Sicherung des Lebens selbst.
In diesem Zusammenhang ist wichtig zu wissen, dass Beltane im Jahreskreis genau gegenüber Samhain, dem heutigen „Halloween“ steht: Beltane findet statt, nachdem die Sonne in den Stier gewandert ist, Samhain fällt in die Skorpion-Zeit. Beide Feste gelten als so genannte „Schwellenfeste“ – es sind Momente, in denen die Grenze zwischen den Welten durchlässiger ist. Während Beltane also den Übergang in die helle Jahreshälfte zelebriert, dabei die Lebenskräfte, die Natur und die Fruchtbarkeit feiert und böse Geister vertreiben will, geht es bei Samhain um den Rückzug der Natur und den Kontakt zu unseren Ahnen, die sich in der Anderswelt befinden. Ich persönlich halte Halloween nicht für etwas Böses oder Gefährliches, kann mir aber vorstellen, dass diese Zeit von von manchen entsprechend mit Ritualen genutzt wird, um entsprechende Dunkelmächte heraufzubeschwören – man kann alles negativ oder positiv benutzen und das Sterben der Natur ist für Wesen, die das Leben verneinen, symbolträchtiger als die blühende Jahreszeit.
Der dünne Schleier zwischen Jenseits und Diesseits hat also in dieser Zeit eine lebendige Qualität, die man nutzen kann: Es geht um das Erwachen der Natur, die Begegnung mit Naturgeistern und um gesteigerte Wahrnehmung.
Von Beltane zur „Walpurgisnacht“
Beltane wird mit regionalen Bräuchen in Verbindung gebracht, die ihre Wurzeln meist in der alten germanischen Naturreligion haben. Und wie so oft hat die Kirche den Brauch zwar beibehalten, aber das Fest einfach unbenannt. Mit der Christianisierung wurden aus den germanischen Göttern und Göttinnen Dämonen und Hexen. Insbesondere Frauen, die dennoch noch an die germanische Götterwelt glaubten, riskierten, als Hexe verurteilt zu werden. So wurde aus Beltane die „Walpurgisnacht“ – abgeleitet von der Heiligen Walburga, einer Äbtissin aus England, die wahrscheinlich im 8. Jahrhundert in Süddeutschland wirkte und vermutlich an einem 1. Mai um 870 heilig gesprochen wurde. Vermutlich legte die Kirche das Fest der heiligen Walburga bewusst auf den 1. Mai, um die dort tief verwurzelten heidnischen Frühlings- und Fruchtbarkeitsfeste zu christianisieren.
Der Maibaum – gelebte Symbolik
Es handelt sich hier um einen geschmückten Baum in Teilen Deutschlands und Österreich, der am Vorabend zum 1. Mai meist im Zentrum eines Stadtteils oder am Dorfplatz aufgestellt wird. Vermutlich ist auch der Maibaum in der Verehrung des Gottes Donar und in verschiedenen Waldgottheiten begründet. Heute können die Maibäume je nach Region unterschiedlich aussehen. Besonders verbreitet ist der Maibaum in Bayern und in Baden-Württemberg verbreitet, wo er auch als Fruchtbarkeitssymbol gilt: Der aufgerichtete Stamm ist das männliche Prinzip, Kranz und Bänder das weibliche. Das gemeinsame Aufstellen galt als sinnbildliche Vereinigung.

Freinacht, Maistreiche und verlorene Leichtigkeit
Einst war der Übergang in den Wonnemonat Mai eine fröhliche Zeit. Heute sind teilweise noch die „Maistreiche“ und das „Maibaumstehlen“ verbreitet. Vor allem im Allgäu, in Schwaben und Teilen Oberbayerns ziehen Jugendliche los, um „zu walpern“. Das bedeutet, das sämtliche Gegenstände in dieser Nacht mitgenommen, versteckt oder umgestellt werden dürfen. Meist werden diese Gegenstände aber auch nur am Dorfplatz gesammelt oder beim Maibaum wiedergefunden. In Bayern und Baden-Württemberg ist das Stehlen des Maibaums der Nachbargemeinde ein prestigeträchtiger Sport. Gelingt der Raub, muss der Baum meist gegen eine beträchtliche Menge Bier und eine Brotzeit ausgelöst werden.
Daneben gibt es noch die Tradition des „Liebesmaien“. Gemäß dem Venus-Prinzip stellen junge, unverheiratete Männer vor den Häusern unverheirateter Frauen so genannte „Maien“ (meist Birken) auf. Traditionell hatten die Maischerze bzw. die Freinacht einen spielerisch-erotischen Untertun, dabei neckten Frauen die Männer und die Männer warben um die Frauen.
Es erübrigt sich eigentlich zu sagen, dass die heutigen politisch motivierten Krawallnächte – wie etwa in Berlin – nichts mehr mit diesen ursprünglichen Bräuchen zu tun haben, zumal Linke normalerweise nichts von Bräuchen halten. Aus einem Spiel ist offenbar Ernst geworden und aus Symbol Handlung.
Wie Deutschland den 1. Mai feiert
So viel zu Süddeutschland, wo die die Walpurgisnacht oft als „Freinacht“ oder „Hexennacht“ bezeichnet wird. Etwas anders läuft die Nacht auf den ersten Mai in der Pfalz ab; die typische Bezeichnung ist hier ebenfalls „Hexennacht“, in der ein Hexenfeuer, Hexenmärkte und Gruselpartys veranstaltet werden. In Sachsen und Thüringen nennt man diese Nacht „Hexenfeuer“, weil man sich bei einem großen Feuer zur Winteraustreibung trifft. Im Harz ist diese Nacht auch als „Hexennacht“ oder „Walpurgis“ bekannt. Einer Sage nach feierten der Gott Donar und die Göttin Freya in der Nacht zum 1. Mai (Walpurgis) auf dem Brocken (der höchste Berg Norddeutschlands, auch „Brocksberg“ genannt) Hochzeit und zeugten dort den Frühling. Doch wie bereits erwähnt, wurden auch hier mit der Christianisierung die alten Götterdienste verteufelt. Doch ironischerweise wurde aus dem Hochzeitsfest der „Hexensabbat“.
Doch trotz der Unterschiede in den Regionen Deutschlands ist die Symbolik, die hinter dem 1. Mai steht, überregional: Es geht um die Vereinigung der Gegensätze, die Fruchtbarkeit und die Belebung der Natur.
Die Kraft dieser Nacht bewusst nutzen
Wer mit Karten arbeitet, kann die Qualität dieser Nacht ganz bewusst aufgreifen. Beispielsweise mit einem einfachen Legesystem für die Walpurgisnacht – bestehend aus nur drei Karten:
1. Karte: Welche Kraft will in mein Leben treten?
2. Karte: Was darf ich dafür loslassen?
3. Karte: Wie kann ich diese Energie konkret leben?
Optional kann noch eine vierte Karte gezogen werden. Sie gibt Auskunft darüber, welche Botschaft aus der geistigen Welt kommt.
Doch auch ohne Karten lässt sich die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai bewusst gestalten:
Formuliere innerlich, was in deinem Leben wachsen darf, und frage dich: Was möchte durch mich ins Leben kommen? Ein schönes und greifbares Ritual hierzu ist es, parallel dazu eine Pflanze zu säen und sie über das Jahr hinweg zu pflegen. Sie wird zum Symbol für das, was im Leben wachsen soll.
Dabei kann man sich sicher sein: Beltane ist kein Spektakel – sondern eine Einladung, das Leben bewusst zu bejahen.
