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Zwischen Salon und Sehnsucht – die verborgene Welt der Kipperkarten

Die Kipperkarten entstanden während der Biedermeierzeit, die grob die Epoche zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der Märzrevolution 1848 umfasst. Politisch war sie eine Zeit der Wandlung, kulturell hingegen geprägt vom Rückzug ins Private und in die Natur.

Der Begriff „Biedermeier“ selbst war ursprünglich eine Spottbezeichnung für den bürgerlichen Kleingeist. Und auch wenn die Kipperkarten nicht selten als „altmodisch“ oder „spießig“ verstanden werden, entstanden sie in einer Epoche, die viel reicher ist als ihr Ruf.

Die Seele des Biedermeiers in den Kipperkarten

Das frühe 19. Jahrhundert war eine Zeit kultureller Verdichtung, in der sich Kunst, Philosophie und Naturverständnis begegneten. Diese Zeit brachte etwas Neues hervor, das wir heute für selbstverständlich halten: Das bewusste Leben im Privaten und der Wohnraum als Ausdruck von Persönlichkeit, Ort der Schönheit und der Ordnung. Vielleicht waren wir keine Hochkultur im Sinne eines perfekten Zustands – aber eine Epoche, die bis heute nachwirkt.

Als das Zuhause zur Welt wurde: Das Wohnzimmer

Während die Welt draußen politisch unruhig und im Wandel begriffen war, entstand im Privaten ein Gegenentwurf: geordnet, überschaubar, kultiviert. So wurde erstmals das „Wohnzimmer“ in dieser Zeit geboren. Was zunächst „Salon“ genannt und vom französischen Adel abgeschaut wurde, etablierte sich nun auch beim aufstrebenden Bürgertum. Waren vorher die Räumlichkeiten rein funktional, bildete sich nun ein Empfangsraum für Gäste heraus, der allerdings nicht nur Fremden imponieren sollte, sondern auch der Familie im Privaten gehörte. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass diesem Raum eigens eine Karte gewidmet wurde.
Das Schlüsselwort dieser Zeit war Innerlichkeit. Nach den Napoleonischen Kriegen zog sich das Bürgertum aus der großen Politik zurück – ins Private und Häusliche. Das Wohnzimmer wurde zum Ausdruck dieser Haltung: Bücher, Musikinstrumente (das Klavier war das Statussymbol schlechthin), selbst gestickte Kissen, Familienportraits etc. gewannen nun an Bedeutung.

Häuslichkeit, Treue und tierische Gefährten

Gleichzeitig veränderte sich während der Biedermeier-Zeit auch der Blick auf Tiere. Besonders im erstarkenden Bürgertum wurden aus reinen Nutzwesen nun Gefährten, die man mit ins eigene Leben nahm: Hunde waren beliebte Begleiter bei Spaziergängen oder bei der Jagd; sie wurden zum Sinnbild für Häuslichkeit und Treue und in Kunst und Literatur als loyale Freunde dargestellt.
Ebenso wandelte sich das Bild der Katze. Nach der Stigmatisierung im Mittelalter als dämonische oder unheilvolle Tiere gewann sie im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts zunehmend an Sympathie. Zwar wurde sie noch zur Bekämpfung von Ratten und Mäusen in Haus und Hof eingesetzt, galt zunehmend als friedliches, häusliches Tier, das perfekt zur biedermeierlichen Sehnsucht nach Geborgenheit im privaten Raum passte. Auch in der Kunst gewannen Katzen an Bedeutung und tauchten nun verstärkt in der Malerei auf, häufig schlafend auf Sofas, auf Fensterbänken oder im Kreise der Familie als Teil des gemütlichen Beisammenseins. (Bild von Wikimedia Commons).

Zimmerpflanzen und die romantische Naturphilosophie

Noch im 18. Jahrhundert galten Pflanzen als Kuriositäten und exotische Besonderheiten, die man nur in so genannten „Orangerien“ bewundern konnte. Doch während der Biedermeierzeit entwickelten sie sich zu einem lebendigen Teil des Hauses und wurden regelrecht populär – und das aus mehreren Gründen gleichzeitig:

Botanik als Bürgertugend: Die Naturwissenschaften boomten, und das Interesse an Pflanzen galt als gebildet und tugendhaft – auch für Frauen und Kinder.
Kolonialhandel: Exotische Pflanzen wie Farne, Palmen oder Azaleen kamen durch den ausgeweiteten Seehandel nach Europa und waren für das Bürgertum erschwinglich geworden.
Fenstertechnik: Erst mit größeren, günstigeren Glasscheiben bekamen Wohnräume genug Licht für Pflanzen – technisch war das vorher kaum möglich.
Symbolik des Lebendigen: Eine Pflanze im Zimmer war ein ästhetisches Statement – Natur im domestizierten, kontrollierten Rahmen. Sie passte perfekt zur biedermeierlichen Sehnsucht nach einer heilen, überschaubaren Welt.

Die romantische Naturphilosophie

Die romantische Naturphilosophie (z. B. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Novalis) begann schon vor der Biedermeierzeit, wirkte aber im 19. Jahrhundert wie ein stilles Fundament. So las man Goethe und Novalis und kannte selbstverständlich auch die Idee von der „beseelten Natur“ – auch wenn man sie philosophisch noch nicht benennen konnte. Das Gefühl, dass eine Blume mehr sein könnte als bloße Materie, gehörte nun zum kulturellen Selbstverständnis der gebildeten bürgerlichen Schicht.

Für viele Denker des 19. Jahrhunderts war die Natur nicht bloß Materie. Sie galt als Ausdruck eines inneren, geistigen Prinzips – als etwas, das nicht nur wächst, sondern sich offenbart. Johann Wolfgang von Goethe sprach von der „Urpflanze“, einer archetypischen Gestalt, aus der sich alle Pflanzenformen ableiten lassen. Wachstum war für ihn kein mechanischer Vorgang, sondern ein lebendiger, sinngetragener Prozess. Pflanzen waren dabei nicht bloß Dekoration, sondern stille Vermittler zwischen Innen und Außen.
Auch Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Novalis verstanden die Natur als etwas Beseeltes – sozusagen als die sichtbare Seite eines unsichtbaren Zusammenhangs.

In diesem Licht betrachtet, erscheint das biedermeierliche Zuhause in einem neuen Zusammenhang:
• Die Familie bildet die menschliche Gemeinschaft
• Die Haustiere stehen für das seelisch Verbundene
• Die Pflanzen verkörpern die lebendige, wachsende Natur
Gemeinsam entsteht daraus ein Raum , der mehr ist als ein Haushalt – er wird zu einem kleinen Abbild einer geordneten Welt.

Die Symbolsprache der Pflanzen

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass Pflanzen auch eine symbolische Bedeutung erhielten.
Sie stehen nicht nur für sich selbst, sondern für innere Prozesse:

• Wachstum → Entwicklung, Reifung
• Blüte → Entfaltung, Sichtbarwerden
• Wurzel → Herkunft, Verwurzelung
• Pflege → Beziehung, Verantwortung

So wird verständlich, warum Pflanzen im Biedermeier nicht zufällig ihren festen Platz im Wohnraum fanden. Sie waren Ausdruck eines Weltgefühls, das den Menschen nicht als getrennt von der Natur sah, sondern als Teil eines lebendigen Ganzen.

Reisen im Biedermeier – von der Herberge zur Kurreise

Auch das Reisen veränderte während der Biedermeierzeit seinen Charakter: Aus der oft beschwerlichen Zweckreise wurde zunehmend eine Suche nach Bildung, Eindrücken und Weltverständnis. Aus den bisherigen „Herbergen“ begannen sich luxuriöse Übernachtungsmöglichkeiten herauszubilden, die anfangs noch nicht „Hotel“, sondern „Hof“ hießen. Obere und mittlere Bildungsschichten reisten aufs Land. Ab 1820 – also während des Biedermeiers – blühten die „Kurreisen“ zur Behandlung von Krankheiten, die sich in erster Linie Reiche leisten konnten.

Vielleicht verdanken wir dem Biedermeier mehr, als uns bewusst ist. Denn vieles von dem, was wir heute als selbstverständlich empfinden, hat genau hier seinen Ursprung. Und genau in diesem Milieu entstehen – oder konkretisieren sich – auch die Bilderwelten, die wir heute aus den klassischen Kipperkarten kennen.

Die Kipperkarten erzählen nicht von einer fernen, exotischen Welt oder vom fahrenden Volk, wie oft behauptet wird (!), sondern von genau diesem bürgerlichen Alltag: von Haus und Besuch, von Reise und Erwartung, von Militär, Briefen und Begegnungen. Es ist eine Welt, die strukturiert ist, sozial eingeordnet, manchmal streng – und doch voller feiner Zwischentöne.

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